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Die Schweiz könnte zu den grossartigsten Weinnationen der Welt gehören

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Chandra Kurt, image Johan Berglund
Robert Parker's Wine Advocate gehört zu den wichtigsten und einflussreichsten Weinbewertungen international. Neben Robert Parker selbst verkosten unter seiner Ägide eine Reihe von Top-Weinjournalisten regelmässig die Weine der bedeutendsten Weinbaugebiete der Welt. Stephan Reinhardt ist für die Schweiz zuständig.

Am Matter of Taste Event in Zürich haben Sie soeben anlässlich einer Masterclass verschiedene Pinot Noirs vorgestellt – ist dies für Sie die interessanteste Schweizer Sorte?

Ja, auch weil es die wichtigste Rotweinsorte der Schweiz ist. Sie ist zudem international gut vermittelbar, da jeder sie kennt. Auch treffe ich in allen Regionen, die ich für Robert Parker's Wine Advocate besuche auf Pinot Noir. Ich glaube auch, dass sie die feinsten und interessantesten Weine der Schweiz hervorbringt. Als Deutscher bin ich natürlich primär mit dem Ostschweizer Pinot Noir vertraut.

Was kommt ihnen ganz spontan in den Sinn, wenn Sie an Schweizer Weine denken?

Drei Dinge: Pinot Noir, Chasselas und autochthone Sorten – primär solche aus dem Wallis.

Was fasziniert sie am Schweizer Wein am meisten?

Die Vielfalt der Terroirs. Obschon es ein kleines Land ist. Ich werde sie wohl kaum alle erfassen können.  Ich wünschte mir sehr, dass alle Schweizer Winzer diese Einzigartigkeit ihrer Terroirs auch zum Ausdruck bringen und nicht andere Stile - die international erfolgreich sein mögen - kopieren. Denn wenn die Schweiz authentische Weine vinifiziert, gehört sie zu den grossartigsten Weinnationen der Welt.

In Ihrem soeben erschienen Report haben sie der Walliser Winzerin Marie-Thérèse Chappaz gleich zwei Mal 99 Punkte verliehen. Ein absolutes Highlight für Schweizer Wein. Wie haben Sie Marie-Thérèse erlebt? Wie würden Sie ihr Schaffen Ihren Kollegen aus dem Ausland beschreiben?

Sie ist eine ganz bodenständige Weinbäuerin, bei der alles im Weingarten beginnt. Man kann mit ihr auch den ganzen Tag im Weingarten verbringen. Man weiss, dass sie da zu Hause ist und spürt sie da. Sie ist im Weingarten weniger verlegen als bei der Probe ihrer Weine. Ihre Weine kann man gar nicht zwischen einfach und komplex unterscheiden, weil selbst die kleinsten Weine unheimlich von ihrer Herkunft geprägt sind. Es existieren ja auch keine Weinberge, die einfache Weine hervorbringen können. Sie hat ja nur Steillagen und Terrassen. Und schon ihr «einfachster» Fendant ist eine Offenbarung. Im Weinberg kommt man Marie-Thérèse kaum hinterher. Ihr zu folgen ist richtig schwierig. Sie eilt wie ein Porsche durch die Reben. Und man denk immer wieder - «what a crazy woman» und läuft ihr mit Müh und Not hinterher. Und dann bei der Probe ist man vom ersten bis zum letzten Wein berührt von der Authentizität der Weine. Sie sind alle unglaublich klar, fein und vital. Und alles harmoniert zusammen. Wenn man Marie-Thérèse sieht, wenn man ihre Weinberge spürt und die Weine verkostet. Für mich ist sie die Domaine de la Romanée Conti der Schweiz.

Wie sind Sie zum Wein gekommen?

Der Wein kam zu mir, ich konnte nichts dagegen tun. Ich war Student und brauchte Geld, habe gejobbt und tat dies in einer Münchner Weinhandlung. Da stand er also und verführte mich und lässt mich seither nicht mehr los.

Was fasziniert Sie am Wein?

Dass ich mich mit einem Glas Wein sehr lange beschäftigen kann, weil er mir so viel zu erzählen hat. Guten Wein zu kosten und zu trinken kann eine durchaus sehr emotionale Angelegenheit sein, wenn er denn spricht. Und das tut guter Wein immer. Von seiner Herkunft, der Landschaft in der er wächst, dem Klima, des Jahrgangs, seiner Machart und sogar von seinem Winzer. Sie müssen das mal tun: Eine halbe Stunde oder eine ganze an einem Wein nur riechen, ohne ihn zu berühren oder gar zu trinken. Es dauert eine Weile, bis Sie sich an diese Situation gewöhnt haben, aber irgendwann beginnt der Wein zu erzählen.

Und wenn nichts passiert...

Dann müssen Sie ihn auch nicht trinken. Tut er es aber doch, dann schreiben Sie Ihre Eindrücke auf und versuchen Sie später herauszubekommen, wie nahe sie ihm wirklich waren, indem Sie sich über den Wein informieren. Es ist mitunter unglaublich, wie gut man die Landschaft beschreiben kann, ohne je in ihr gestanden zu sein. Sinnlichkeit ist etwas sehr Bedeutendes beim Weingenuss. Ohne wache Sinne kann man sich von keinem Wein faszinieren, aber leider auch nicht enttäuschen lassen.

Kann Sie Wein heute noch überraschen?

Guter Wein tut nichts anderes. Jedes Mal.

Und welchen Stil von Wein mögen Sie?

Jede leer getrunkene Flasche repräsentiert meinen Stil. Um es abstrakt genug zu halten: Der Wein, den ich mögen soll, muss lebendig, frisch und bekömmlich sein, elegant und komplex und doch voller Raffinessen. Er verführt mich in jedem Fall zum Weitertrinken und ich denke gerne an ihn zurück.

 

Über das Magazin « Wine Advocate»

Der Wine Advocate von Robert Parker wurde das erste Mal in den USA 1978 veröffentlicht. Bis zum heutigen Tage ist es eine der wichtigsten und einflussreichsten Fachzeitschriften in der internationalen Weinszene.

Unter der Federführung von Robert Parker und einer Anzahl bekannter Journalisten und Weinkritiker werden regelmässig Weine aus den diversen Weinbauregionen weltweit verkostet und bewertet.  Stephan Reinhardt ist zuständig für die Schweiz. 

Seit Dezember 2014 hat Stephan Reinhardt in regelmässigen Abständen 7 Artikel über die Schweizer Weine veröffentlicht, bei denen über 600 Weine aus den 6 Weinbauregionen der Schweiz degustiert und bewertet wurden. Er selber sagt, dass er komplett unabhängig ist, trotz seiner vielen Reisen ist die Auswahl aber weder vollständig, noch abschliessend.

Kritiker bezichtigen Robert Parker und sein Unternehmen gerne als selbsternannter König. Denn ein von Parker bewerteter Wein welcher über 90 Punkte von 100 erreicht, wird sich schliesslich auch gut verkaufen, aber destotrotz bringt es den Schweizer Wein in der internationalen Weinwelt ins Scheinwerferlicht und dies ist schlicht unbezahlbar.

www.robertparker.com